Kein Spooktober

Einleitung

Ich schreibe einen Blog über Horrorfilme, und ausgerechnet ich mache im Oktober nichts. Kein Spooktober, kein Halloween-Marathon, keine Liste mit 31 Filmen für 31 Tage. Weshalb eigentlich nicht?

Und tatsächlich. Zweimal wurde ich in der letzten Woche gefragt, weshalb auf meiner Seite nichts über den Spooktober zu lesen sei und ob ich nicht ein paar Horrorfilme vorschlagen würde. Die Frage ist berechtigt, also verdient sie eine Antwort.

Die Listen, die niemanden überraschen

Ich könnte eine Liste der brutalsten Filme aller Zeiten zusammenstellen. Das Format scheint auf YouTube gut zu laufen, doch pro Kanal sind es meist dieselben «verdächtigen» Filme, und irgendwann gehen einem diese aus. Wer gerne Horrorfilme schaut, hat sich den einen oder anderen «verbotenen» Titel ohnehin längst angesehen. Ich schaue zwar gerne die Videos von Dylan vom Splattercast 1, aber weniger wegen der Filme, sondern weil er dabei so schön leidet und stets einen Eimer neben sich zu haben scheint, falls ihm das Mittagessen hochkommt. Genau darin liegt das Problem des Genres. Informativ ist es kaum, vielmehr setzt es darauf, dass die Videomacher ihre inneren Dämonen überwinden müssen. Und die Filme selbst haben meist wenig Inhalt und dienen vor allem dem Schock.

Wenn du dir solche Listen ansehen willst, reicht in der Regel «disturbing movies» auf YouTube einzugeben, und die Reise in die Abgründe kann beginnen.

Ich könnte auch eine 31-Tage-Liste machen und jeden Tag einen Film beschreiben, den die meisten längst kennen. Das Format verlangt allerdings, dass ich täglich liefere, egal ob ich zu einem Film etwas zu sagen habe oder nicht. Am Ende stünde eine Reihe von Texten, von denen die Hälfte nur vorhanden wäre, weil der Kalender es so will. Und am 1. November wäre alles vorbei und vergessen.

Oder ich könnte behaupten, «The Exorcist» sei der beste Horrorfilm aller Zeiten, und meine Gründe dafür liefern. Damit würde ich niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Der Film ist seit Dezember 1973 im Umlauf und wurde vermutlich bis ins letzte Detail seziert. Zu ihm existieren bereits unzählige Essays, Videos und Podcasts, die jedes Facettchen von der Besessenheitsszene bis zum Score beleuchtet haben. Selbst die kulturanalytische Ebene ist besetzt. Der Film löste bei seinem Erscheinen ein Medienereignis aus. Berichten zufolge fielen Zuschauer in Ohnmacht oder mussten sich übergeben, und Priester erhielten Anfragen von Menschen, die sich für besessen hielten. 2/3 Dazu kam religiöse Empörung, vor allem aus protestantischen Kreisen, die das Studio gezielt für die Werbung nutzte, während die katholische Kirche ihn öffentlich verurteilte, intern aber als positives Zeugnis für die Kraft des Glaubens las. 4 Genau diese gesellschaftliche Welle ist inzwischen selbst Forschungsgegenstand. 5 Man kann sie als Vorgeschichte der späteren Satanic Panic der 1980er Jahre lesen, zu der Sozialstudien über Moralpanik existieren, bis hin zu einer eigenen Monografie über den «Exorcist-Effekt». 5:1 Zu diesem Film ist also schon alles gesagt. Ich hätte nichts beizutragen ausser einer weiteren Stimme im Chor.

Die Mengenmaschine

Kurz gesagt, ich könnte tun, was hunderte, vermutlich tausende andere auch tun. Der Oktober ist für mich zu einer Mengenmaschine geworden, in der man sich gegenseitig überbieten will. Jeder verspricht einen Film, der «unbedingt empfehlenswert» sei und den trotzdem niemand kenne. Schaut man sich diese Filme dann an, bleibt meist Ernüchterung, und nicht selten würde ich sie mit zweieinhalb von fünf Sternen bewerten. Natürlich ist Filmgeschmack subjektiv. Wer aber Listen erstellt, will ein breites Publikum ansprechen, und genau das gelingt mit solchen Geheimtipps selten.

Dahinter steckt eine Logik, die mit Film wenig zu tun hat. Wer vom Schreiben oder Streamen leben muss, ist darauf angewiesen, laufend Nachschub zu liefern, um sichtbar zu bleiben. So funktioniert das Spiel des Algorithmus.

Der Streamer KuchenTV hat sich sinngemäss geäussert, er recherchiere weniger, um mehr zu verdienen. Ich finde die Stelle nicht mehr und gebe sie deshalb aus dem Gedächtnis wieder. Was man von ihm halten mag, sei dahingestellt, aber der Satz gehört zu den ehrlichsten Dingen, die ich je von einem Streamer gehört habe. Die Menge füllt das Portemonnaie, nicht die Qualität. Der Algorithmus belohnt nicht das tiefgehende Essay, sondern den ununterbrochenen Ausstoss.

Ein Hobby, kein Zweitjob

Umfassende Listen wie die mit 31 Filmen würden meinem Ansatz schlicht nicht gerecht. Der Blog ist ein Hobby, das ich nebenbei betreibe, und ich nehme mir für einen Film die Zeit, die er braucht. Würde ich stattdessen nach Schablone schreiben, Filme bloss wiedergeben statt sie wirklich zu analysieren, fände ich die Zeit sicherlich. Aber wer jeden Tag einen Film sehen und beschreiben muss, hat daraus einen zweiten Job gemacht, und genau den will ich nicht.

Hinzu kommt, dass meine Herangehensweise ohnehin eine andere ist als die der gängigen Filmkritik. Mich interessiert weniger, ob ein Film gut ist, sondern was er über die Zeit verrät, in der er entstand. Die Ängste, die er verarbeitet, oder die politischen und kulturellen Themen, die in ihm stecken. Ob ein Horrorfilm die Reagan-Ära kommentiert oder die Opioidkrise, ob er bürgerliche Moralordnung attackiert oder sie nur beschwört. Solche Fragen lassen sich nicht in Tageslisten beantworten. Listen sortieren Filme nach Schockwert, nicht nach dem, was sie erzählen.

Dass danach gefragt wird, kann ich durchaus nachvollziehen. Die Frage zeigt mir aber auch, dass mein Ansatz nicht überall ankommt. Ich nehme mir Zeit für einen einzelnen Film und zerpflücke ihn nach meinen Regeln. Ich könnte natürlich auf eine Schablone zurückgreifen, in der ich stets nur die Kameraperspektive, den Score und das Schauspiel austausche und am Schluss ein persönliches Fazit ziehe. Solche Schablonen habe ich tatsächlich schon entworfen, mich dann aber gefragt, worin der tiefere Sinn liegt, einen Film bloss zu wiederholen, wenn man ihn sich auch einfach ansehen kann. Ich würde damit keinen einzigen Gedanken anstossen, sondern nur Content liefern.

Dass ich im Oktober zwei Wochen Ferien hatte, nahm dem Spooktober zusätzlich den Reiz. Aber selbst wenn ich hier gewesen wäre, hätte ich nicht mitgemacht, und zwar aus mehreren Gründen. Einer davon ist Halloween selbst.

Was wir von Halloween wirklich übernommen haben

Dass ich Halloween nicht mitmache, ist keine Trotzreaktion, sondern hat bei mir System. Ich feiere keinerlei Bräuche. Die religiösen unter ihnen, also Weihnachten, Ostern und Pfingsten, sind für mich Mythen, die ich nicht benötige. Und bei Volksfesten wie der Fasnacht geht mir einfach gegen den Strich, was alle mitmachen. Deshalb sind es nicht «meine» Bräuche, egal ob sie zur Schweiz gehören oder nicht. Im Dezember fallen keine Schneeflocken auf meiner Seite, und das A in meinem Logo wird nicht zu einem lustigen Tannenbaum. Halloween ist keine Ausnahme, es fällt bei einem Horrorblog nur am meisten auf.

Spannender finde ich die Frage, weshalb weite Teile Europas diesen Brauch überhaupt übernommen haben. Irland schliesse ich bewusst aus, denn dort liegen die Ursprünge. Die Antwort ist so schlicht wie bei vielem, was aus den USA zu uns kommt, nämlich Umsatz. In der Schweiz lässt sich der Anlass ohnehin doppelt verwerten, an der Fasnacht und an Halloween. Für den Handel ist das eine doppelte Einnahmequelle.

Halloween steht für die Begegnung mit dem Tod und dem Unheimlichen. Der Termin vor Allerheiligen und Allerseelen verbindet es mit dem Totengedenken, und die gruselige Verkleidung spielt mit der Angst, statt sie zu verdrängen. In der heutigen Form, die vor allem aus den USA stammt, ist es zugleich ein Konsum- und Familienfest, bei dem das Grauen zahm und spielerisch wird.

Die Fasnacht steht für die verkehrte Welt auf Zeit. Vor der Fastenzeit gelten die üblichen Regeln kurz nicht. Masken machen anonym, Obrigkeit und Hierarchien werden verspottet. Es wird masslos gegessen, getrunken und gefeiert. Die Ordnung wird dabei nicht gestürzt, sondern durch das befristete Ventil eher bestätigt, denn danach beginnt der Alltag wieder.

Gemeinsam ist beiden, dass sie Schwellenzeiten markieren und der Maske erlauben, kurz eine andere Rolle zu spielen. Der Unterschied liegt im Schwerpunkt. Halloween kreist um Tod und Angst, die Fasnacht um Macht, Spott und Ausgelassenheit.

Vieles davon ist ohnehin Deutung. Dass die Bräuche ursprünglich etwas anderes, etwa Geisterabwehr, bedeutet hätten, lässt sich nicht belegen. Heute stehen sie vor allem für Gemeinschaft und die Lust an der Verwandlung.

Aber haben wir den Brauch wirklich importiert, oder nur einen Teil davon?

Der Volkskundler Konrad Kuhn hat sich damit beschäftigt und kommt zu einem Ergebnis, das mich überrascht hat. Vor Mitte der 1990er-Jahre war Halloween in der Schweiz demnach kein Thema. Zuerst kam der Brauch in die Romandie, von dort in die Deutschschweiz. 6 Laut swissinfo führten Schweizer Geschäfte 1999 erstmals Halloween-Kostüme und -Masken. 7

Verbreitet hat sich Halloween durch den kulturellen Einfluss der USA. Den eigentlichen Schub gaben aber nicht die Grossverteiler, sondern Bauern. Kuhn beschreibt, dass sie den Kürbis damals als neue Einnahmequelle entdeckten. Es gab Kürbispyramiden, Kürbissuppe und Kürbisfeste, und ein Gemüse, das man bis dahin nur sparsam gegessen hatte, füllte plötzlich Küchen und Restaurants. Die Grossverteiler und die Medien stiegen erst später ein und profitierten dann davon. 6:1 Das Argument mit dem Umsatz stimmt also, nur wurde der Umsatz nicht allein von Handelsketten gemacht. Ein Teil davon kam von hiesigen Bauern.

Interessant finde ich auch, was wir nicht importieren mussten. Beleuchtete, geschnitzte Rüben kennen wir seit Langem als Räbeliechtli, und Kuhn verweist ausserdem auf das Singen von Weihnachtsliedern an der Haustür und auf Elemente der Allerheiligen-Bräuche. 6:2 Ich ergänze aus eigener Sicht noch die Kinderbräuche mit Streichen am Schulsilvester. Halloween konnte hier andocken, weil vieles davon schon da war. Importiert wurden eher die Verpackung und der Kürbis als Symbol als der Brauch selbst. Das Ritual dahinter, das Samhain-Fest der Kelten mit seinen Toten und seinen Feuern, ist dabei selbst alles andere als gesichert. Es lässt sich erst im mittelalterlichen Irland nachweisen, für die antiken Kelten gibt es keine Belege. 8 Es spielt deshalb bei uns erst recht praktisch keine Rolle. Das ist meine persönliche Einschätzung, ich habe dazu keine Studie gefunden.

Ein Selbstläufer war die Sache ohnehin nicht. Laut swissinfo führten Migros und Coop 2007 kaum noch Halloween-Artikel, und ein Grosshändler sprach von stark gesunkener Nachfrage. 7:1 Das zeigt zumindest, wie sehr der damalige Boom am Konsum hing. Der Soziologe Ueli Mäder deutet die Übernahme als Bedürfnis nach Ritualen. 7:2 Ich würde eher sagen, dass wir ein Bedürfnis nach einem Anlass im Kalender hatten, und der Handel hat es dankbar bedient. Und offensichtlich hat der Brauch die Flaute überlebt, denn inzwischen ist Halloween hier etabliert. Kuhn erwartet laut swissinfo sogar, dass es in die bestehende Brauchtumslandschaft integriert wird, weil das Bedürfnis nach einem Jahreszyklus mit Höhepunkten bestehen bleibt. 6:3 Das liegt nahe bei meiner Deutung. Vielleicht hat der Handel das Bedürfnis gar nicht erst geweckt, sondern nur gefunden.

Zurück zur Ausgangsfrage

Weshalb macht also ausgerechnet ein Horrorfilm-Blogger im Oktober nichts? Aus denselben Gründen, aus denen meine Seite im Dezember keine Schneeflocken einblendet. Der Oktober unterscheidet sich von anderen Monaten bloss dadurch, dass diese Haltung dort am meisten auffällt. Der Spooktober verlangt zudem täglichen Ausstoss, für den mir als Hobbyblogger die Zeit fehlt, und er dreht sich um einen Anlass, den Bauern und Händler gross gemacht haben und der dabei ein vorhandenes Bedürfnis traf.

Meine Seite schuldet niemandem Rechenschaft. Dieses Essay ist deshalb mein Beitrag zum Oktober: keine 31 Filme, sondern eine einzige Begründung. Und wer mich nächstes Jahr wieder fragt, darf diese Antwort einfach noch einmal lesen.

Quellen und Belege


  1. Splattercast auf YouTube - YouTube ↩︎

  2. Behavior: Exorcist Fever - TIME, 11. Februar 1974 ↩︎

  3. The Exorcist Was So Scary in 1973 It Made Moviegoers Faint, Vomit, and Cry - SYFY WIRE, 26. September 2023 ↩︎

  4. «Somewhere between science and superstition»: Religious outrage, horrific science, and The Exorcist (1973) - Amy C. Chambers, History of the Human Sciences 34 (5), 2021 ↩︎

  5. Joseph P. Laycock / Eric Harrelson: The Exorcist Effect: Horror, Religion, and Demonic Belief, Oxford University Press, New York 2023. ISBN: 9780197635391 - Oxford University Press ↩︎ ↩︎

  6. Wie Halloween Schweizer Kulturgut wurde - SWI swissinfo.ch, 31. Oktober 2025 ↩︎ ↩︎ ↩︎ ↩︎

  7. Halloween retailers get a shock - SWI swissinfo.ch, 31. Oktober 2007 ↩︎ ↩︎ ↩︎

  8. Halloween – ein keltisches Fest? Die Hintergründe zum 31. Oktober - Archäologische Staatssammlung München ↩︎

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