Für mich verstummt (156/Silence)

From A Distance

Ich stamme nicht aus dem Nu-Metal- oder Hardcore-Kosmos. Meine musikalische Heimat liegt im Death und Black Metal. Ausnahmen wie The Deadlights 1 bestätigen eher die Regel. Nur bei 156/Silence 2 ist daraus ein echtes Interesse geworden. Mit From A Distance 3 erlischt dieses Interesse jedoch bereits wieder, und ich erkläre im Folgenden, warum.

Ich habe «From A Distance», das neue Album der Band, zum ersten Mal am Erscheinungstag, dem 4. September 2026, gehört. Die ersten drei Songs bedienen sich dabei an den unterschiedlichsten Genres, von Post-Metal über Darkwave bis Industrial. Das klingt zunächst nach etwas Neuem, schlussendlich aber wie vieles andere aus dem Metalcore, wozu ich noch komme. Erst der vierte Song, «Swept From Under (Call of the Void)», beginnt wieder 156-mässig zu klingen. Doch selbst dort ist mir aufgefallen, wie clean das Gebrüll des Sängers abgemischt ist, fast so, als wäre es nicht mehr dieselbe Stimme wie auf Irrational Pull4. Jack Murray singt allerdings seit 2018 durchgehend bei der Band, es ist also derselbe Sänger, nur eben in einer Produktion, die auch dem Schrei die Kante nimmt. Damit stehe ich mit diesem Eindruck offenbar nicht allein da, unabhängig von mir bemängelt auch die Soundboard-Rezension, dass ausgerechnet Murrays Gesang auf dem Album unbeholfen und deplatziert wirke und das Album sich nicht sofort erschliesse 5.

Und mit dieser Kante verschwindet das, was mich eben noch gepackt hatte.

Aus meiner persönlichen Beobachtung heraus ist das kein neuer Bruch. Schon bei People Watching (2024) 6 hatte ich den Eindruck, dass sich die Band in eine Richtung bewegt, die mir nicht mehr entspricht. Die damalige Presse feierte das Album zwar, faktisch bestätigte gerade dieses Lob die Bewegung, die ich wahrgenommen hatte. Distorted Sound Magazine 7 lobte es etwa als bis dahin bestes Werk der Band, mit einer Entwicklung seit Irrational Pull hin zu einem stärkeren Nu-Metal- und Post-Hardcore-Einfluss, Wonderbox Metal ähnlich enthusiastisch 8.

Vom Extremen zum Radiotauglichen

Was mich an dieser Enttäuschung eigentlich am meisten beschäftigt, ist nicht der cleane Gesang für sich genommen, sondern die Richtung, in die er weist. 156/Silence bewegt sich von einem extremen, kompromisslosen Sound zu etwas, das im Radio funktionieren würde. Das ist für mich keine technische Reifung, sondern eine Anpassung an den Mainstream, bei der die Band ausgerechnet das aufgibt, was sie unverwechselbar gemacht hat.

Was mir dabei fehlt, ist der unverkennbare Stil des Sängers selbst. Bei 156/Silence war es genau der Wechsel zwischen einem gequälten, leisen Sprechen und einem für mich völlig eigenständigen, eskalierenden Hass, der mich von Anfang an gefangen hatte. Dieses leise Sprechen wirkt tonal fast schief in der sonstigen Klanglandschaft. Es fühlt sich falsch an, und gerade darin liegt die Punk-Attitüde. Es passt perfekt, weil es eigentlich nicht passen sollte. Ob das innerhalb der Hardcore-Szene ein bekanntes Stilmittel oder tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal der Band ist, kann ich als Aussenstehender nicht zuverlässig beurteilen. Mich persönlich hat dieses Hin und Her zwischen Zurückhaltung und Entladung jedenfalls mehr angesprochen als einzelne Riffs oder Songstrukturen. Dieses leise Sprechen ist es aber, das auf From A Distance zunehmend durch cleanes Singen ersetzt wird. Das erklärt vielleicht, weshalb das Album bei mir nicht mehr zieht. Nicht weil clean gesungen wird, sondern weil damit ausgerechnet der unverwechselbare Teil des Bandstils einem 0815-Metalcore-Gesang weicht, den man an vielen anderen Orten genauso hören könnte.

Wenn ich ehrlich bin, geht mir dieser Wechsel zwischen Growls und cleanem Gesang im Metalcore ohnehin zunehmend auf die Nerven, kaum eine Band im Genre lässt ihn aus. Architects 9 sind eine der wenigen Ausnahmen. Sänger Sam Carter hat eine fast unschuldig klingende Stimme, die dann in den harten Parts komplett aufdreht, ein Kontrast, der bei kaum einem anderen Sänger so überzeugend funktioniert. Das ist wohl auch kein Zufall, Architects gehören laut Loudwire10 neben Bring Me the Horizon, Underoath und Parkway Drive zu den «Big Four» des modernen Metalcore. Für mich bleibt Carter der überzeugendste Kontrast im Genre, auch wenn ich dessen Einfluss auf nachfolgende Bands nicht belegen kann. Auch bei Paleface Swiss 11, der Zürcher Band, die ich sonst sehr schätze, wird mir mittlerweile etwas mulmig. Cleaner Gesang war dort zwar schon immer vorhanden, aber stets nur dezent eingesetzt, mit The Wilted EP (2026) 12 nimmt er nun spürbar mehr Raum ein. Das eigentliche Problem ist wohl, dass sich gefühlt jede Metalcore-Band heute clean vocals oder Trap-Elemente zulegt, wodurch sich fast alles ziemlich ähnlich anhört, sofern der Sänger keine wirklich unverkennbare Stimme mitbringt.

Wie die Band ihren eigenen Wandel erzählt

Interessant ist, dass 156/Silence ihre Entwicklung nie als Ausverkauf, sondern immer als bewusstes künstlerisches Wachstum gerahmt hat. Gitarrist Jimmy Howell sagte zur neuen Richtung, die mit People Watching eingeschlagen wurde, sinngemäss, sie habe so gut funktioniert, dass man beschlossen habe, sie zu vertiefen. Als Vorbild nennt er Bands wie Thrice und Bring Me the Horizon, die mit ihrem Publikum mitwachsen, statt sich ständig zu wiederholen 13. From A Distance wird entsprechend explizit als Fortsetzung, nicht als Kurskorrektur beschrieben. Aus meiner Sicht ist das aber das Muster, mit dem sich Eigenständigkeit rhetorisch als Weiterentwicklung verkaufen lässt, während die Substanz, die eine Band einzigartig gemacht hat, dabei verloren geht.

Ein vertrautes Muster

Dieses Muster ist mir nicht fremd, auch wenn 156/Silence aus einer Szene stammt, die eigentlich nicht meine ist. Aus meiner eigentlichen musikalischen Heimat, dem Extreme Metal, kenne ich dieselbe Bewegung, und dort zeigt sich auch, dass eine spätere Rückbesinnung das einmal Verlorene nicht automatisch zurückbringt.
Samael 14 haben mit Passage 15 (1996) einen für mich bis heute unerreichten Höhepunkt geschaffen. Nach dem missglückten Rückkehr-Versuch Above (2009) galt Hegemony (2017) in der Kritik weithin als bester Wurf seit Passage. Für mich hat die Band seither trotzdem nie wieder so funktioniert wie damals. Irgendetwas fehlte einfach, auch wenn ich es nicht genau benennen kann. Die Nostalgiebrille mag dabei mitschwingen, die Erinnerung an ein Album, das man in einer bestimmten Lebensphase gehört hat, misst neue Werke an einem Massstab, den sie nie erfüllen können.
Bei Benediction liegt der Fall noch deutlicher. Sänger Dave Ingram, der auf dem für mich prägenden Transcend the Rubicon 16 (1993) zu hören war, kehrte 2019 zur Band zurück. Scriptures 17 (2020) wurde explizit als Comeback-Album vermarktet 18, das an diese Ära anknüpfen sollte, mit demselben Sänger, derselben grundsätzlichen Stossrichtung. Auch hier reichte mir das nicht, um wieder an das alte Album heranzukommen.

Selbst ein bewusster Rückgriff auf die eigene Wurzeln bringt offenbar nicht automatisch zurück, was einmal verloren ging. Das macht auch die Verluste bei 156/Silence endgültiger, als sie es sonst vielleicht wären.

Verstummt

Es geht mir dabei nicht um Qualität. Der cleane Gesang auf From A Distance ist handwerklich sauber, selbst Samaels Hegemony und Benedictions Scriptures sind gute Alben, das bestreite ich nicht. Aber keines davon ist für mich noch das, was die jeweilige Band einmal ausgemacht hat. Eigenständigkeit lässt sich offenbar nicht einfach zurückholen, wenn sie einmal dem Mainstream oder der eigenen Weiterentwicklung geopfert wurde. Für mich bleibt 156/Silence deshalb ein One-Album-Wunder, dessen Sound sich leider in die völlig falsche Richtung treiben lässt. Was bleibt, ist kein Bruch, den man objektiv benennen könnte, sondern einzig dieses persönliche Gefühl, dass etwas für mich verstummt ist.

Quellen und Belege

  1. The Deadlights, Wikipedia
  2. 156/Silence, Official Website
  3. 156/Silence - From A Distance, Bandcamp
  4. 156/Silence - Irrational Pull, Bandcamp
  5. ALBUM REVIEW: 156/Silence – ‘From A Distance’, The Soundboard
  6. 156/Silence – People Watching, Bandcamp
  7. ALBUM REVIEW: People Watching – 156/Silence, Distorted Sound
  8. 156/Silence – People Watching (Review), Wonderbox Metal
  9. Architects, Architects - Official Website
  10. Who Are Metalcore’s ‘Big 4’? Reddit Users Debate, Loudwire
  11. Paleface Swiss, Paleface Swiss - Official Website
  12. Paleface Swiss - The wilted EP, Paleface Swiss - Official Shop
  13. 156/Silence - Jimmy Howell, Pure Noise
  14. Samael, Official Website
  15. Samael - Passage, Bandcamp
  16. Benediction - Transcend the Rubicon, Bandcamp
  17. Benediction - Scriptures, Bandcamp
  18. About Benediction, Nuclear Blast