Die Warnung, die zur Offenbarung wurde
Es war mein zehntes Schuljahr in Lausanne. Wir sassen im Klassenzimmer, und die Lehrkraft startete eine BBC-Dokumentation mit dem Titel Death Metal Murders. Die Absicht war klar: eine Warnung.
Europa steckte damals mitten in der zweiten Welle der sogenannten Satanic Panic. Nachdem die USA bereits ein Jahrzehnt der Hysterie hinter sich hatten, schwappte die Angst vor dem rituellen Bösen nun endgültig auf unseren Kontinent über, befeuert durch die Kirchenbrände in Norwegen. Der Film sollte uns zeigen, wie gefährlich die Welt des Death- und Black Metal war, wie sie Jugendliche in den Abgrund zog. Er begann mit den brutalen Beasts of Satan-Morden in Italien und führte uns direkt in die Herzen der Dunkelheit. 1
Ich sah Glen Benton von Deicide., sein umgedrehtes Kreuz auf der Stirn gebrannt, und hörte seine offene, fast schon triumphierende Rhetorik. Ich sah Necrobutcher von Mayhem und die verstörenden Bilder von brennenden Kirchen in Norwegen. Ich sah Dissection aus Schweden, die ihre satanische Ideologie offen diskutierten. Die Doku wollte uns erschrecken. Sie wollte uns zeigen, dass hier das Böse wohnte. 2 /3 /4
Aber für mich geschah das Gegenteil.
Vom Landei zum Grenzgänger
Zuvor hatte ich schon Musik gehört, die als hart galt. Clawfingers «Deaf Dumb Blind» und Sepulturas «Chaos A.D.» bildeten meinen damaligen Horizont, wobei ich für die rohen, früheren Scheiben der Brasilianer schlicht noch nicht bereit war. Mein Vater hatte mir zudem Ministrys «Psalm 69» aus den USA mitgebracht, allerdings war mir das damals noch zu viel. Es war nur Lärm ohne Kontext und ohne Bedeutung. Ich war ein Landei ohne Zugang zu einer Szene und ohne jemanden, der mir erklärte, worum es in dieser Welt eigentlich ging.
Erst die Doku lieferte den Rahmen, den mir das Ministry Album nicht geben konnte. Plötzlich war die Härte nicht mehr abschreckend, sondern authentisch. Die Symbolik, die Rhetorik, die Dunkelheit hatten eine Geschichte, eine Ideologie, eine Weltanschauung, welche uns die Erwachsenen verbieten wollten.5 /6 /7
Deschners Erbe und der Funke der Doku
Und diese Weltanschauung war für mich längst keine Fremdwelt mehr. Schon zwei Jahre zuvor hatte ich begonnen, mich intensiv mit der Kirchengeschichte zu befassen. Unbewusster Auslöser war meine Mutter, in deren Schrank ich Karlheinz Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» entdeckte. Allein der Titel war für mich eine verbotene Frucht. Ich wollte wissen, was alle an Gott so gut fanden, und suchte nach den Schattenseiten der Institution, die ich um mich herum sah. Meine Zweifel an der Religion festigten sich langsam, aber bestimmt. 8
Die Doku war der Funke, der auf diesen trockenen Boden fiel. Als Atheist, der bereits die Kritik an der Kirche kannte, zeigte mir die Dokumentation eine Konsequenz, die ich noch nie gesehen hatte. Eine Welt, die nicht nur leugnete, was ich nicht glaubte, sondern das „Böse" aktiv feierte.
Das war faszinierend.
Ich sah mich nie als Satanist, aber ich kokettierte mit der Provokation. Und in den 90ern war das noch leicht zu erreichen. Ein umgedrehtes Kreuz reichte, um die Grenzen zu testen, um zu sehen, wie weit man gehen konnte, ohne wirklich etwas zu glauben. Die Doku zeigte mir, dass diese Geste mehr war als nur ein Bild. Sie war ein Statement.
In jenem Moment, als die Kamera auf Bentons Stirn zoomte, öffnete sich eine Tür. Aus der Warnung wurde eine «satanische Offenbarung». Ich suchte sofort nach Deicide und fand eine Goldtruhe von Bands vor, die ich entdecken musste. Teilweise kaufte ich CDs nur anhand ihrer Covers, getrieben von einer hungrigen Neugier.
Ein Beispiel war die italienische Black Metal Band Evol. Musikalisch war sie unglaublich schlecht, aber der Song Return of the Horned King hat für mich heute noch einen hohen Stellenwert. Nicht weil er gut ist, sondern weil er gleichzeitig auch den Einstieg in den Black Metal eröffnete. Es war eine Hymne an Satan, und für mich war das der perfekte Soundtrack zu meiner eigenen Rebellion. 9
Auditiver Horror als Katharsis
Ich bin bis heute Atheist, oder besser gesagt Theoklast. Ich glaube nicht an Götter, Geister oder tanzende Trolle im Wald, aber ich habe eine tiefe Faszination für die Idee des Bösen, für die dunklen Seiten der menschlichen Natur und welche Erklärungsversuche für das herangezogen werden. Im amerikanischen Raum wird oft eine höhere Dimension herbeigeredet, während in Europa eher die geerdete Psychologie ausschlaggebend ist. Die Musik, die ich damals entdeckte, war für mich eine Art Ventil, um diese Faszination auszuleben, ohne tatsächlich in eine religiöse Weltanschauung einzutauchen.
Die Bands, welche ich heute höre, mögen vielfältiger, technischer und präziser geworden sein, aber beinahe alle vereint die Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion. Die einen beschreiten philosophische Wege, andere lassen ihrer Wut freien Lauf.
Extreme Metal ist für mich auditiver Horror und mein mobiles Äquivalent zu Horrorfilmen. Beide vereint, dass sie Missstände zur Sprache bringen, sei es durch ein metaphorisches Korsett oder durch die rohe, ungeschönte Konfrontation.
Der geschlossene Kreis
Die BBC wollte uns warnen. Stattdessen stiess die Dokumentation für uns das Tor zur Hölle weit auf und machte es uns damaligen Jugendlichen erst recht schmackhaft, diese Schwelle zu überqueren. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser Film heute offiziell auf dem YouTube-Kanal von Earache Records zu finden ist. Damit schliesst sich der Kreis auf skurrile Weise, denn Earache ist das Label von Deicide und beheimatet eine Vielzahl anderer satanischer Bands. So wurde aus der missglückten Abschreckung letztlich die effektivste Werbung für genau jene Welt, die man eigentlich bekämpfen wollte.
Unter Luzifers Schwingen
Vertiefend zu diesem Thema habe ich mich in meiner dreiteiligen Artikelserie «Unter Luzifers Schwingen» intensiv mit der Darstellung des Teufels in Film und Musik auseinandergesetzt:
Unter Luzifers Schwingen: Teil 1 - Wie Glaube Angst erschafft
Unter Luzifers Schwingen: Teil 2 - Hollywoods Dämonenmaschine: Vom Glauben zum Spektakel
Unter Luzifers Schwingen: Teil 3 - Satanic Panic 3.0: Wie der Mythos vom Bösen zur politischen Waffe wurde
Quellen und Belege
- Death Metal Murders (BBC Dokumentation), Earache Records auf Youtube
- Deicide, Official Deicide Website
- Mayhem, Official Mayhem Website
- Dissection, Metal Archives
- Clawfinger, Official Clawfinger Website
- Sepultura, Official Sepultura Website
- Ministry, Official Ministry Website
- Karlheinz Deschner - Kriminalgeschichte des Christentums, Rowohlt Verlag
- Evol (Italien), Metal Archives
- Earache Records, Official Earache Records Website